Wie Kunststoff Schultz den Innovationsprozess neu erfindet (Best Practice)

Kunststoff Schultz*, der erfolgreiche Hersteller von Verpackungen für die Kosmetikindustrie, ist innovativ. Das als Stage-Gate-Prozess aufgebaute Innovationsmanagement überlässt nichts dem Zufall. Kunden werden befragt, ein Auswahlgremium legt fest, welche Ideen weiter verfolgt werden und ein stringentes Projektmanagement gibt es auch. Wie jedes Jahr besucht Geschäftsführer Alfons Schultz die regionalen Innovationstage, die gemeinsam von der Hochschule und der IHK organisiert werden. 
Als ein Kollege aus dem Maschinenbau über eine eher radikale Innovation berichtet, denkt Schultz: „Unser Innovationsprozess läuft eigentlich gut. Er stellt unsere Kunden zufrieden. Irgendwie bewegen wir uns aber innerhalb festgesteckter Grenzen. Wirklich Neues wollen die Kunden gar nicht, wenn wir sie fragen. Trotzdem haben wir in diesem Jahr zwei von ihnen an den Wettbewerber Meiers Kunststofftechnik verloren, als er die Flaschen mit dem Lotoseffekt auf den Markt brachte.“ Der Maschinenbauer berichtet, dass bei ihm jeder Mitarbeiter Zeit dafür hat, über innovative Ideen nachzudenken und auch kleinere Experimente durchzuführen. Abgeschaut haben sie das von 3M. So großzügig wie 3M kann Alfons Schultz nicht sein, aber vielleicht kann er jedem Mitarbeiter monatlich eine Stunde für Innovation zugestehen?
Bei der nächsten Betriebsversammlung verkündet Schultz seine Entscheidung. Viele seiner Mitarbeiter können oder wollen nichts damit anfangen. Doch etwa 10 von ihnen toben sich so richtig aus. Von Kapseln für die Raumfahrt bis hin zu neuen Elektronenmikroskopen ist alles dabei. Manches entbehrt leider ausreichender technischer Expertise oder der leisesten Vorstellung, wo ein Markt dafür sein könnte. Alfons Schultz muss nachjustieren. Mitarbeiter mit radikalen Ideen müssen einen Promotor finden, einen Fachexperten aus der Industrie oder der Wissenschaft, der bereit ist, die Idee in einer gemeinsamen Machbarkeitsstudie zu testen. Für radikal neue Vorschläge braucht Kunststoff Schulz Partner. Es würde zu lange dauern und zu kostspielig werden, das nötige Wissen im eigenen Haus aufzubauen. 
Seitdem ist die Anzahl der Ideen etwas zurückgegangen, aber die etwa 15 Vorschläge im Jahr sind auf einem sehr hohen Niveau. Alfons Schultz schleust sie durch einen Wettbewerb um Budgets, vergleichbar den Wettbewerben für Existenzgründer. Für diese radikalen Neuerungen stellt er jährlich 3 Prozent vom Umsatz zur Verfügung.
Zwei Jahre später feiert Kunststoff Schultz Richtfest. In der neuen Halle sollen ab dem kommenden Jahr Kunststoff-Metall-Komposite für die Automobilindustrie hergestellt werden. Produkt und Verfahren wurden gemeinsam mit dem Maschinenbauer entwickelt, den Schultz bei den Innovationstagen kennengelernt hat. Über ihn sind auch die Kontakte zu zwei Automobilkunden in die Wege geleitet worden, die gerade dabei sind, die im Technikum hergestellten Prototypen zu testen. 
Alfons Schultz hat rechtzeitig in neue Ideen und Innovationsprojekte investiert. Er hat sogar Fördermittel vom Bund bekommen, um die Risiken abzufedern. Stolz geht er die die Besprechung mit seinem Führungsteam. Heute wollen sie weiter am Geschäftsmodell für den Einstieg in die Automobilbranche feilen.
ak-t

* Name frei erfunden



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