Wie Bewertungen von HighTech-Unternehmen realitätsnäher werden

Bei Verkäufen von HighTech-Unternehmen sind häufig sowohl Verkäufer als auch Käufer vom Nutzen einer normalen Due Diligence für die Bewertung des Unternehmens enttäuscht, wenn nur rechtliche und steuerliche Aspekte betrachtet werden. Selbst wenn das Alter des Maschinenparks einbezogen wird, bringt das nur eine marginale Verbesserung. Die Innovativität wird nur ungenügend berücksichtigt. Das muss nicht so sein: Eine Technische Due Diligence kann die herkömmlichen Verfahren zumindest qualitativ ergänzen. Auch quantitative Verfahren existieren, auf welche an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden soll. Der hier vorgestellte Ansatz orientiert sich an einer von Torsten Kurr in seiner Dissertation vorgeschlagenen Methodik [1], die er für die Bewertung in drei Bereiche unterteilt: das Geschäftskonzept, die Produktstrategie und die technologische Neuerung. Für die Definition des Geschäftskonzepts greift er auf die in Bild 1 dargestellten Komponenten nach Hamel [2] zurück.

1. Bewertung des Geschäftskonzepts

Das Konzept muss sich auf konzeptioneller Ebene von eigenen und fremden Konzepten grundlegend unterscheiden und alle in Bild 1 aufgeführten Bausteine enthalten. Für die Bewertung der Wirkung der Brückenkomponenten gibt uns Kurr elf Prinzipien an die Hand (s. Bild 2), die auf sogenannten Dichotomien, das heißt Gliederungen nach zwei Gesichtspunkten, basieren. So kann nach dem Konvergenzprinzip ein neuer Nutzen für Automobilkunden entstehen, wenn ein Zulieferer aus dem Energiesektor Funktionalitäten auf Komponenten des Elektroautos überträgt. Das Zeit/Idealität-Prinzip kann sogar auf alle drei Brückenkomponenten wirken, wenn Innovationen beispielsweise anstelle der Anpassung an Trends so innovativ sind, dass sie zu neuen Normen führen. Ein innovatives Geschäftskonzept sollte mindestens eins dieser Prinzipien verfolgen.

2. Bewertung der Produktstrategie

Innovative Produktstrategien werden von einer Balance aus Market-Pull und Technology-Push getrieben. Deshalb bieten sich Portfolioanalysen aus einer Markt- und einer Technologieperspektive an. Wie das oben angeführte Beispiel des Elektroautos zeigt, sind immer auch Wettbewerber aus anderen Branchen zu berücksichtigen. Sie werden bei der traditionellen Wettbewerbsanalyse häufig übersehen. Weil neue Produkte einige Jahre Gewinne einspielen sollen und ihre Entwicklung nicht selten schon mehrere Jahre in Anspruch nimmt, müssen auch die Folgejahre berücksichtigt werden. Bild 3 zeigt, wie ein Marktportfolio in Anlehnung an Kurr aussehen kann. Es berücksichtigt den Wettbewerb, die Bedeutung am Ertrag sowie das zukünftige Marktwachstum. Das ergänzende Technologieportfolio zeigt Bild 4. Der auf der Y-Achse aufgetragene Beitrag zur Kundenzufriedenheit ist signifikant für den Geschäftserfolg, während die auf der X-Achse wiedergegebene technologische Stärke das interne Potenzial zur Erreichung der technologischen Neuerungen darstellt. Der technologische Reifegrad dagegen steht für das verbleibende Potenzial an Verbesserungen und die Überlegenheit bietet einen Vergleich mit den Wettbewerbern. In die Bewertung der Produktstrategie muss auch das Umfeld eingehen: Die Fachkräfte müssen das zur Weiterentwicklung der Innovation erforderliche Wissen haben und die Führungskräfte brauchen Erfahrung im Innovationsmanagement. Parallel zu Produktinnovationen müssen die Fertigungsprozesse weiterentwickelt werden, sei es im eigenen Hause oder bei Dienstleistern.

3. Bewertung der technologischen Neuerung

Zur Bewertung des Innovationsgrads können nach Altshuller [3] Patentrecherchen herangezogen werden. Bild 5 ist zu entnehmen, dass es nach einer bahnbrechenden Erfindung zu einem ersten Höhepunkt bei den Patentanmeldungen kommt, die jedoch für Unternehmen noch keine Profitabilität erhoffen lassen. Trotzdem kann es sich lohnen, von Anfang an dabei zu sein. Während die neue Technologie ihre Leistungsfähigkeit entwickelt, gehen die Patentanmeldungen zunächst kurzfristig zurück, um im Zuge entscheidender Lösungen von Systemkonflikten bis zum Maximum der Leistungsfähigkeit der Technologie anzusteigen. In diesem Zeitintervall steigt die Profitabilität kontinuierlich bis zu diesem Maximum, um anschließend schnell zu sinken. Die Länge der Zeitintervalle ist branchenspezifisch sehr unterschiedlich und hängt stark von den Lebenszyklen der Produkte ab.

Fazit:

Wird bei der Bewertung von HighTech-Unternehmen in der Due Diligence der Baustein Technische Due Diligence, welcher auch die Innovativität beurteilt, ergänzt, so entsteht ein realitätsnäheres Bild vom Unternehmen. Für eine quantitative Analyse sind aufwändige Berechnungen möglich. Ob dieser Aufwand gerechtfertigt ist, müssen die Akteure im Einzelfall entscheiden. [1] Kurr, T.T.: Technologie „Due Diligence“ in WZL RWTH Aachen und Fraunhofer IPT (Herausgeber): Berichte aus der Produktionstechnik 8/2003 [2] Hamel, G.: Das revolutionäre Unternehmen – Wer Regeln bricht gewinnt. München 2000, S. 112 [3] Altshuller, G.S.: Creativity as an exact science. New York 1984, S. 16 – 26

ak-t



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