Über Fehler, unerwartete Ergebnisse und Irrtümer in Forschung und Entwicklung

„Misserfolge sind ein Geschenk.“ So wie der ehemalige Procter & Gamble-Chef Alan G. Lafley kommentieren wohl die wenigsten Führungskräfte Misserfolge ihrer Mitarbeiter. Gewöhnlich werden sie aus Angst oder Scham einfach verschwiegen – und damit die Chance, aus ihnen zu lernen, vergeben.

Sicherlich gibt es bewusste Fehler, die nicht vorkommen dürfen. So bedarf es keines Kommentars zu der Wikipedia-Site „Betrug und Fälschung in der Wissenschaft“ (02.07.2011): http://de.wikipedia.org/wiki/Betrug_und_F%C3%A4lschung_in_der_Wissenschaft. Zur kompetenten wissenschaftlichen Arbeitsweise gehören selbstverständlich angemessene Recherchen in Literatur und Patenten, sorgfältig kalibrierte Messinstrumente und Auswertungen, die dem Stand der Wissenschaft und Technik gerecht werden. Bewusste Abweichungen dürfen nicht toleriert werden. Aber wie sieht es aus, wenn Mitarbeiter überfordert werden, sei es in Bezug auf ihr Fachwissen oder durch zu lange Arbeitszeiten? Wenn sie Angst vor dem Versagen und vor Schuldzuweisungen haben? Angst führt erwiesenermaßen zu Unsicherheit und damit auch zu Fehlern. Die Professorin für Leadership und Management Amy C. Edmondson hat Führungskräfte befragt, in wie vielen Fällen sie die Mitarbeiter kritisieren, wenn Fehler bekannt werden. Die Antworten ergaben zwischen 70 und 90 Prozent. Die Folge davon ist, dass Fehler vertuscht werden, anstatt nach den Ursachen zu suchen und daraus zu lernen. Edmondson gibt Führungskräften deshalb eine „Checkliste für Experimente“ an die Hand: Sie lädt ein zu fragen, ob der Versuch unter realen (nicht optimalen) Bedingungen stattfindet, ob die Personen und Mittel die tatsächlichen Verhältnisse im Unternehmen wiederspiegeln, ob Lernen das Ziel ist (nicht den Wert von Angeboten zu demonstrieren) und ob Leistungsbeurteilungen nicht vom Versuchsausgang abhängen. [Harvard Business Manager Juni 2011, S. 30]

Manchmal wird der Begriff „Fehler“ sogar für unerwartete Ergebnisse von Versuchen in Forschung & Entwicklung (F & E) gebraucht. Dabei wird jedoch übersehen, dass die strengen Regeln des Qualitätsmanagements nicht einfach auf F&E übertragen werden dürfen. Hier finden die Versuche – im Gegensatz zu einer sicheren Fertigung – an der Grenze des Wissens statt und Abweichungen führen nicht selten zu Wettbewerbsvorteilen. Denken wir nur an Ferdinand Brauns Schrift „Über Abweichungen vom Ohm’schen Gesetz in metallisch leitenden Körpern“ [Annalen der Physik und Chemie, Neue Folge Band I, Leipzig (1877) S.95-100]. Wer derartige Abweichungen ignoriert, weil sie einfach nicht sein dürfen, verhindert möglicherweise radikale Innovationen. Zum Beispiel würde es auch keine Quantenphysik geben.

Die Mathematikerin Ellen Kaplan und der Historiker Michael Kaplan stellen sogar die These auf, dass Menschen von Fehlleistungen leben, dass wir irren, wenn wir meinen, es ginge rational zu. An Hand von Beispielen zeigen sie in ihrem neu erschienen Buch, warum Biologen und Verhaltensforscher davon ausgehen, dass der Mensch geboren ist, um Fehler zu machen. Sie geben jedoch auch Ratschläge, wie wir fatalen Irrtumsfallen entkommen können. [Kaplan, M., Kaplan, E.: Auf Fehler programmiert. Rowohlt 2011] Neu erschienen vom Wissenschaftsjournalisten Martin Schneider ist „Teflon, Post-it und Viagra“ [Wiley 2011]. Die Gemeinsamkeit dieser Produkte und vieler anderer ist, dass sie zufällig entdeckt wurden und zunächst als Ausschuss galten.

Wissen Ihre Mitarbeiter, welchen Umgang mit Fehlern, unerwarteten Ergebnissen und Irrtümern Sie von ihnen erwarten? Oder ist es Zeit für ein klärendes Gespräch?

ak-t



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