Das Spannungsviereck nutzen, um Innovationen zu bewerten

Mein Entwicklungsprodukt muss perfekt werden“, so der Glaubenssatz zahlreicher Ingenieure. Sicherlich muss es ein gutes Produkt werden. Doch es gibt Ingenieure, die zum sogenannten „Overengineering“ neigen. Wer entscheidet, ob ein Produkt „perfekt“ ist? Selbst Physikerin und Ingenieurin, weiß ich, wie schwer es ist, in einem Projekt innezuhalten, wenn noch Ideen für eine zusätzliche Raffinesse da sind. Sie könnten ja das berühmte i-Tüpfelchen darstellen. Vielleicht handelt es sich um die Spracherkennung eines Steuergeräts oder um eine um fünf Grad höhere Temperatubeständigkeit eines Werkstoffs. In den Bann der Entwicklungsfortschritte gezogen, fällt es uns manchmal schwer, einen Schritt zurückzutreten, um ein Vorhaben aus der Vogelperspektive zu betrachten. Genau aus diesem Grunde brauchen Innovationsprojekte Haltepunkte, oft auch als „Gates“ bezeichnet, an denen auch Außenstehende in die Bewertung einbezogen werden. Industriekunden, die ich berate, wünschen sich an den Gates, an denen entschieden wird, ob eine Idee zu einem Prototypen oder dieser zur Serienreife weiterentwickelt werden soll, ein Werkzeug als einheitlichen Maßstab, um unterschiedliche Vorhaben vergleichen zu können. In diesen Situationen haben wir mit dem Spannungsviereck [1] (siehe Bild 1) gute Erfahrungen gesammelt. Es zwingt dazu, auch andere Aspekte als nur die Technologie mit in Betracht zu ziehen, egal ob es sich um ein Display, einen Werkstoff oder ein ganz anderes Produkt handelt.

Das Spannungsviereck zeigt die Eckpunkte einer Innovation: Kundennutzen, Technologie, Service und Preis. Ohne einen Nutzen, der sich den zukünftigen Kunden erschließt, geht gar nichts. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Nutzen funktional oder emotional ist, wobei im B2B-Geschäft die Funktionalität meist höher bewertet wird. Kaufen Sie etwa Dinge, die Sie für wertlos halten? Je neuartiger ein Produkt ist, umso erklärungsbedürftiger ist der Nutzen jedoch. Dann müssen Forschung & Entwicklung und Marketing besonders intensiv und meist auch schon in frühen Entwicklungsstadien Hand in Hand arbeiten, gemeinsam durch die Brille möglicher Interessenten schauen oder noch besser, sie direkt einbeziehen. Die meisten Käufer suchen zwar vielfältige technische Möglichkeiten, trotzdem soll das Produkt einfach zu bedienen sein. Selbst die Möglichkeiten eines Steuerdisplays sollen sich intuitiv erschließen lassen. Das Spannungsviereck lädt deshalb, wie in Bild 2 gezeigt, zur Bewertung von Funktionalität und Vereinfachung ein. Häufig werden Funktionalität und Emotionalität als entgegensetzte Pole betrachtet, sie können sich jedoch auch ergänzen. So kann ein attraktives Design eines Displays den Bediener durchaus auf der emotionalen Ebene ansprechen. Last not least wird uns die Umweltfreundlichkeit immer wichtiger oder sie wird vom Gesetzgeber eingeklagt, seien es Vorgaben für geringe CO2-Emissionen oder für die Energieeffizienz elektrischer Maschinen. Zu diesen vier und gegebenenfalls weiteren Hauptpunkten schlägt Ihnen Bild 2 Unterpunkte vor, die Sie in den weißen Feldern auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten können. Noch interessanter wird es, wenn Sie den Wettbewerber mit beurteilen, der Ihnen am dichtesten auf den Fersen folgt. Er kann ruhig aus einer anderen Branche kommen. Schließlich verdrängte die CD die Schallplatte. Zum Schluss tragen Sie im grauen Feld „Kundennutzen“ unter „Wir“ den Quotienten aus der Summe der Bewertungspunkte und deren Anzahl ein. Mit dem Wettbewerber verfahren Sie genauso. In einer Excel-Tabelle können sie Formeln hinterlegen und Änderungen schnell anpassen.

Als nächstes wollen Sie vielleicht die „Technologie“ bewerten. Mögliche Hauptpunkte können sein: Qualität (technisch, Zulassungen, …), Verwendung (Branchen, Einsatz, …), Zielgruppen, Fertigung (Kosten, Zeiten, Risiken, …), Alleinstellungsmerkmale und ähnliche. Eine Möglichkeit der Technologiebewertung ist in Bild 3 dargestellt.

Beim „Service“ ist bei Industrieprodukten nicht selten die fehlende Infrastruktur ein entscheidendes Kriterium. So zeigte sich die Genialität Einsteins nicht primär in der Erfindung der Glühbirne. Er hat diese zu einer längeren Lebenszeit weiterentwickelt. Mindestens genauso wichtig war zu seiner Zeit aber, dass er für den Aufbau eines Stromnetzes gesorgt hat. Die Elektrofahrzeuge warten heute noch immer auf das Tankstellennetz. Wenn Sie die bisher genannten Hauptpunkte bewertet haben, fällt die des Preises leichter. Eine Schätzung bleibt sie natürlich immer. Der Mindestpreis wird aus Kosten und Marge ermittelt. Besitzt das neue Produkt jedoch Alleinstellungsmerkmale, die einen echten Mehrwert für den Kunden darstellen, wird dieser bereit sein, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Ich wünsche Ihnen viele erfolgreiche Innovationen, zu deren Gelingen möglicherweise das Spannungsviereck beiträgt. Wenn Sie noch Fragen haben, stehe ich gern zur Verfügung: 05323 9871191 oder kolb-telieps@k-tinnovation.de. [1] Kolb-Telieps, A.: Die 3 Innovationsregler ak-t



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